In der Tat findet man in einzelnen seiner etwa sechstausend Vorträge (ca. 89.000 Druckseiten) Passagen, etwa über Afrikaner oder „Indianer“, die klar abwertend klingen. Und grundsätzlich war Steiner tatsächlich überzeugt, dass die einzelnen Völker und Kulturen Blütezeiten und Niedergänge erleben, dass sie durchaus unterschiedliche Dispositionen haben und im Lauf der Menschheitsgeschichte entsprechend unterschiedliche Beiträge leisten können, etwa wie Stimmen in einem Konzert...
Nein. Seine elterliche Familie war katholisch, wenngleich er zumindest den Vater eher als Freigeist schildert, der kaum je zur Kirche ging. Diese klaren Tatsachen hinderten Steiners Gegner nicht daran, später anderes zu behaupten. Schon 1908 verbreitete ein Jesuitenpater, Steiner sei in Wahrheit Jude. Steiner reagierte immer völlig souverän und antwortete sinngemäß: Wäre er Jude, wäre ihm dies auch recht, denn er lege in dieser Hinsicht „keinen Wert auf meine Abstammung“. Nur sei es eben sachlich falsch...
Um dies zu behaupten, muss man die Dinge schon sehr verdrehen. Bereits mit zwanzig reagiert er spontan empört auf die antisemitischen Töne in einem Buch des Philosophen Eugen Dühring. Zwei Jahrzehnte später engagiert er sich im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Er kritisiert die „abgestandenen Plattheiten“ der Antisemiten und registriert „mit Schaudern“ ihren kulturellen Einfluss. Allenfalls kann man sagen, dass Steiner in seinen frühen Jahren den Antisemitismus eher als...
Hier äußerte sich Steiner widersprüchlich. Ja, Steiner hat sich ab seinem 35. Lebensjahr immer mehr für die wahrnehmbare Wirklichkeit interessiert, also auch für Farben. Davor waren ihm – so schildert er es in seiner Autobiographie – philosophische Überlegungen näher. Als Goethe-Kenner interessierte er sich generell für die „seelisch-sittliche Wirkung“ der Farben. Eine Idee, mit der viele Maler gearbeitet haben und über die in der Kunstgeschichte viel nachgedacht wurde. Außerdem war Steiner der Überzeugung, dass die Farben in der Pflanzen- und Tierwelt, aber eben auch am menschlichen Körper Hinweise für „seelisch-sittliche“ Qualitäten sind, die zum jeweiligen Lebewesen dazu gehören...
Das tiefe Interesse am jeweiligen Individuum, das die Anthroposophie charakterisiert, zeigte sich auch und gerade dort, wo es um Menschen mit bestimmten Behinderungen geht. So forderte auch Steiner – damals ganz ungewöhnlich – einen Namen zu finden, der diese Menschen „nicht gleich abstempelt“. Seine Mitarbeiter sprachen daher von Anfang an von „Seelenpflege-bedürftigen“ Kindern bzw. Erwachsenen. Bezeichnenderweise erkannte Steiner auch viel früher als andere die Gefahren durch die Eugenik, also durch Programme zu einer genetischen Verbesserung der Menschheit, die damals weithin als progressiv galten.
Ja, Rechtsextreme nutzen zum Teil dieselben Wörter wie Steiner und versuchen mit dieser Übernahme zu punkten. Zum Beispiel der Begriff „Dritter Weg“ – heute der Name einer rechtsextremen Kleinpartei. Er stand Ende der 80er Jahre für eine progressive Perspektive im Systemwettstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Anthroposophen waren damals an der Entwicklung dieser progressiven Idee beteiligt, in der Kleinstpartei spielen sie keine Rolle...
Komplexe Geschichte. Rudolf Steiner war schon vor Beginn der NS-Zeit gestorben, Leiter der deutschen Anthroposophen war zu dieser Zeit Hans Büchenbacher. Er war nach Nazi-Kategorien „Halbjude“ und gab sein Amt auf, um die Anthroposophie aus der ideologischen Schusslinie zu nehmen. Aber es half nichts, 1935 wurde die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Bemerkenswerte Episode: Mehrfach schickten die Nazis Gutachter los, um abzuchecken, ob es nicht doch ideologische Brücken zwischen ihrer Weltanschauung und der Anthroposophie geben könne. Das Ergebnis war immer negativ...
Dieses Urteil ist ein „Scheinriese“ – je mehr man sich einer anthroposophischen Denkweise nähert, umso mehr verliert es an Bedeutung. Wie eine holländische Untersuchungskommission schon in den 90er Jahren feststellte, gibt es in Steiners 89.000-seitigen Schriftwerk ca. 26 Passagen, die im heutigen Sprachgebrauch als diskriminierend oder rassistisch zu werten sind. An diesen wenigen Stellen arbeiten sich die meisten Kritiker ab. Auch dass Steiner wie viele seiner Zeitgenossen über „Rassen“ nachdachte – heute würde man eher von Ethnien sprechen...
Eine zentrale. Rudolf Steiner sah sogar eines seiner wichtigsten Anliegen darin, unserer Epoche einen Zugang zu diesem Thema zu öffnen. Zugleich ist es wohl der Aspekt, an dem seine Weltsicht am deutlichsten von der abendländischen Tradition abweicht. Im Kern ist die anthroposophische Sichtweise so: Es gibt nicht nur eine, sondern zwei Arten von Vererbungslinien...
Nichts. Da werden in der Regel zwei Dinge verwechselt. Das eine: Ja, Steiner war überzeugt, dass die mitteleuropäische und gerade auch die deutsche Kultur eine Art Aufgabe in der Welt habe. Mit ihrem Zug ins Geistige, wie er etwa in großen philosophischen Vorstößen zum Ausdruck kam, mit ihrer Innerlichkeit und gelegentlich auch Weltfremdheit, hätte sie der notwendige Gegenpol zu den pragmatisch-nüchternen Talenten insbesondere der angelsächsischen Welt sein können...
In die üblichen Kategorien war er kaum einzuordnen. Zeitweise nannte er sich einen „individualistischen Anarchisten“. Über Jahre unterrichtete Steiner auch an der stramm sozialistischen Arbeiterbildungsschule in Berlin. Aber von den traditionellen sozialistischen Konzepten unterschied ihn doch viel. Vor allem hielt er deren Fixierung auf zentrale, staatliche Lösungen für grundfalsch. Unserem Zeitalter mit dem in allen Menschen lebenden Verlangen nach Individualität und Freiheit sei das nicht mehr angemessen. Statt von staatlichen Großsystemen her zu denken...
Hier zeigt sich exemplarisch, was historische Komplexität ist. Steiners gesellschaftspolitische Ideen – kurz die „Soziale Dreigliederung“ – wurden manchmal sehr prominent öffentlich diskutiert und manchmal blieben sie verborgen im „Untergrund“. Seine Ideen verstand Steiner als einen Versuch, dem sich abzeichnenden Konflikt der Gesellschaftssysteme „Kapitalismus vs. Kommunismus“ eine integrierende Idee entgegenzustellen – die des freien und vernunftbegabten Menschen. Seiner Ansicht nach scheiterte er aber damit...
Darüber kann man nur spekulieren. Tatsächlich ist auffällig, dass schon viele Anthroposoph:innen der ersten Generation einen jüdischen Hintergrund hatten. So der Ingenieur Carl Unger, der mit Marie von Sivers und Michael Bauer den ersten Vorstand bildete, der Naturwissenschaftler Ernst Lehrs, die Prager Intellektuelle Berta Fanta, in deren Salon auch Franz Kafka verkehrte, oder der Kabbala-Forscher Ernst Müller...
Immer wieder wird die Forderung gestellt: Anthroposophen sollen sich von ihrem „Guru“ Rudolf Steiner distanzieren und eine säkularisierte "Anthroposophie 2.0“ ohne Rückgriff auf ihn zu schaffen. Sicher gibt es aus heutiger Sicht gute Gründe, sich von einigen wenigen Äußerungen von Rudolf Steiner zu distanzieren. Und dies sollte eine Selbstverständlichkeit sein, Steiner selbst forderte ja mehrfach, man solle ihm nicht blind folgen...